{"id":34255,"date":"2025-11-25T15:46:53","date_gmt":"2025-11-25T14:46:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/dechets-revers-sale\/"},"modified":"2025-12-18T10:01:25","modified_gmt":"2025-12-18T09:01:25","slug":"abfall-schmutzige-kehrseite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/abfall-schmutzige-kehrseite\/","title":{"rendered":"Abfall: die schmutzige Kehrseite des Freihandels"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Hinter jedem St\u00fcck Abfall verbirgt sich derselbe Mechanismus: Ein Produkt, das zum Wegwerfen bestimmt ist, wurde weit weg von hier im Rahmen eines Systems hergestellt, das den Warenverkehr f\u00f6rdert, aber niemals die Verantwortung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 12. Mai 2022 unterzeichnete die Schweizerische Eidgenossenschaft mit der Lebensmittelbranche die \u201eVereinbarung gegen Foodwaste\u201d<sup><a href=\"#notes\">1<\/a><\/sup>, das bis 2030 eine Halbierung der vermeidbaren Verluste zum Ziel hat. Vor kurzem wurde die Frage der globalen Abfallbewirtschaftung in der Schweiz erneut aufgegriffen. Diese zwei Schritte sind lobenswert, denn sie anerkennen endlich die kollektive Verantwortung. Doch kratzen diese Initiativen, so notwendig sie auch sein m\u00f6gen, nur an der Oberfl\u00e4che des Problems. Denn Abfall entsteht nicht nur durch unsere Nachl\u00e4ssigkeit, sondern durch das Wirtschaftssystem an sich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das eigentliche Problem ist ein auf \u00dcberproduktion basierendes System.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In allen Bereichen \u2013 Handwerk, Industrie und Lebensmittelindustrie \u2013 gilt dieselbe Logik: Man muss innovativ sein. Nur so bleibt man attraktiv, wettbewerbsf\u00e4hig und kann \u201eder Nachfrage gerecht werden\u201d. Dieser st\u00e4ndige Drang nach Neuerungen, der als Motor des Fortschritts dargestellt wird, f\u00fchrt jedoch vor allem zu einer ungebremsten \u00dcberproduktion: Es gibt neue Maschinenmodelle, Textilien von geringerer Lebensdauer und \u201enachhaltige\u201d Materialien, die noch funktionsf\u00e4hige Produkte ersetzen. Das Ergebnis: Kein Gewinn ist nachhaltig. Jede energetische Verbesserung, jedes effizientere Ger\u00e4t und jedes recycelte Textil wird sofort durch das globale Wachstumsprinzip von Produktion und Konsum zunichte gemacht. Das Wirtschaftssystem zwingt uns, mehr zu produzieren und zu konsumieren, w\u00e4hrend gleichzeitig weniger Umweltverschmutzung verursacht werden soll. Dieser Teufelskreis \u00fcbt einen enormen Druck auf Handwerker*innen und lokale Produzent*innen aus. Sie sind gezwungen, dieser Logik zu folgen, um zu \u00fcberleben, werden dabei aber genau von diesem Teufelskreis &#8222;erstickt&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Unsere Abfalltonnen erz\u00e4hlen von unserem Wirtschaftsmodell<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Diese Flucht nach vorn l\u00e4sst sich in unseren Abfalltonnen ablesen. Die Berge aus weggeworfenen Textilien<sup><a href=\"#notes\">2<\/a><\/sup>, veralteten Ger\u00e4ten und nicht recycelbaren Verpackungen wachsen unaufh\u00f6rlich. Selbst sogenannte \u201everwertbare\u201d Materialien werden oft zu niedrigen Kosten in andere L\u00e4nder exportiert, wo sie verbrannt oder vergraben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Genf f\u00fchrt die Abfallfrage zu sehr konkreten Spannungen. Die Volksinitiative gegen die Deponierung von Schlacke in Satigny hat eine reale Gefahr ans Licht gebracht: Da die Deponie in Ch\u00e2tillon \u00fcberf\u00fcllt ist, k\u00f6nnte der Kanton gezwungen sein, eine neue Deponie in der Gemeinde zu er\u00f6ffnen<sup><a href=\"#notes\">3<\/a><\/sup>. Derzeit wird die Schlacke in den Jura exportiert, aber diese L\u00f6sung ist nur vor\u00fcbergehend<sup><a href=\"#notes\">4<\/a><\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Gleichung spielt Katzenstreu eine oft \u00fcbersehene Rolle. Mineralisches Streu, welches in Haushalten allt\u00e4glich verwendet wird, verursacht allein bis zu 5&#8217;000 Tonnen Schlacke pro Jahr, was etwa 10 % der Gesamtmenge in Genf entspricht<sup><a href=\"#notes\">5<\/a><\/sup>. Die L\u00f6sung heisst pflanzliches Streu. Dieses verbrennt vollst\u00e4ndig und es entsteht dabei keine Schlacke. Das BAFU hat sich jedoch geweigert, mineralische Streu zu verbieten, beruft sich dabei auf die wirtschaftliche Freiheit und \u00fcberl\u00e4sst die Verantwortung f\u00fcr Ver\u00e4nderungen den Verbraucher*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall sind die B\u00f6den die stillen Opfer einer Wirtschaft, die alles in Waren verwandelt \u2013 auch Abf\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum nicht gleiche Ziele f\u00fcr alle Branchen anstreben?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Vereinbarung gegen Foodwaste zeigt auf, dass es m\u00f6glich ist, eine ganze Branche f\u00fcr ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren: reduzieren, Verantwortung \u00fcbernehmen, kontrollieren. Aber warum bei Lebensmitteln aufh\u00f6ren? Warum nicht dasselbe Ziel f\u00fcr Textilien, Elektronik oder Baumaterialien anstreben? Denn heute machen Nicht-organische-Abf\u00e4lle den gr\u00f6ssten Teil unseres \u00f6kologischen Fussabdrucks aus. Hinter jedem St\u00fcck Abfall verbirgt sich derselbe Mechanismus: Ein Produkt, das zum Wegwerfen bestimmt ist, wurde weit weg von hier im Rahmen <strong>eines Systems hergestellt, das den Warenverkehr f\u00f6rdert, aber niemals die Verantwortung<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die zerst\u00f6rerische Rolle des Freihandels<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die bilateralen Abkommen und Freihandelsabkommen, die die Schweiz in zunehmendem Masse abschliesst, f\u00f6rdern die Massenproduktion, den \u00fcberm\u00e4ssigen Transport und die Verlagerung von Umweltbelastungen. Man importiert Billigprodukte, die unter fragw\u00fcrdigen sozialen und \u00f6kologischen Bedingungen hergestellt wurden, und lagert dann die mit ihrer Herstellung verbundene Umweltverschmutzung aus. Anschliessend begl\u00fcckw\u00fcnscht man sich dazu, dass man ein paar Prozent unserer Abf\u00e4lle recycelt, als w\u00fcrde dies den Rest kompensieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist das Ergebnis? Lokale Handwerker stehen unter Druck, die globalisierte Industrie ist unantastbar und der Planet ist mit Abf\u00e4llen \u00fcbers\u00e4t, die sich nirgendwo mehr &#8222;unbemerkt&#8220; entsorgen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange wir in der Vorstellung verhaftet bleiben, dass die Wirtschaft wachsen m\u00fcsse und Innovation immer gut sei, wird die Abfallfrage ungel\u00f6st bleiben. Die aktuellen Antr\u00e4ge und Vereinbarungen sind n\u00fctzlich, aber eher kosmetischer Natur: besser trennen, mehr recyceln, sauberer verbrennen&#8230; ohne jemals weniger zu produzieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>F\u00fcr eine echte Abfallpolitik: Sparsamkeit, N\u00e4he, Verantwortung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Was wir brauchen, ist eine systemische Ver\u00e4nderung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Reduzierung der produzierten Mengen, nicht nur Optimierung ihres Lebenszyklus<\/li>\n\n\n\n<li>Schadstoffe regulieren und solche verbieten, die in B\u00f6den und Gew\u00e4ssern verbleiben.<\/li>\n\n\n\n<li>Lokale Handwerker*innen und Produzent*innen unterst\u00fctzen, nicht um \u201einnovativer\u201d zu sein, sondern um weniger, besser und nachhaltig zu produzieren.<\/li>\n\n\n\n<li>Und vor allem die Freihandelsabkommen hinterfragen, die diesen st\u00e4ndigen Strom von Waren, Umweltverschmutzung und Abfall f\u00f6rdern.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die Vereinbarung gegen Foodwaste ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber wenn wir diese T\u00fcr nicht weiter aufstossen, werden wir weiterhin dieselbe Landschaft vorfinden: Berge von Abfall, kontaminierte B\u00f6den und ersch\u00f6pfte \u00d6kosysteme. Politischer Mut bedeutet nicht, besser zu recyceln, sondern zu sagen, dass wir weniger produzieren und ein System ablehnen m\u00fcssen, in dem alles \u2013 G\u00fcter, Land, Arbeit, Leben \u2013 im M\u00fcll landet. Denn in einer Welt, die mit Abfall \u00fcbers\u00e4ttigt ist, sollten wir nicht Innovation feiern, sondern Gen\u00fcgsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>La Vrille<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"notes\">Fussnoten\u00a0:<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">1- <a href=\"https:\/\/www.uvek.admin.ch\/de\/vereinbarung-gegen-foodwaste\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vereinbarung gegen Foodwaste<\/a> &#8211; UVEK<br>2. <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/berge-von-altkleidern-kleider-recycling-kaeuferinnen-und-kaeufer-sollen-dafuer-bezahlen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Berge von Altkleidern &#8211; Kleider-Recycling: K\u00e4uferinnen und K\u00e4ufer sollen daf\u00fcr bezahlen<\/a> &#8211; Mirjam Spreiter und Ralph Goldinger &#8211; SRF 22.04.2025<br>3. [keine neue Deponie in Satigny &#8211; fr] <a href=\"https:\/\/www.satigny.ch\/news\/environnement\/l-initiative-populaire-contre-l-enfouissement-des-machefers-a-abouti--2178\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">L\u2019initiative populaire contre l\u2019enfouissement des m\u00e2chefers a abouti !<\/a> &#8211; Commune de Satigny 29.07.2022<br>4. [fr] <a href=\"https:\/\/ww2.sig-ge.ch\/actualites\/les-cantons-de-geneve-et-du-jura-renforcent-leur-collaboration-pour-la-gestion-des\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Les cantons de Gen\u00e8ve et du Jura renforcent leur collaboration pour la gestion des m\u00e2chefers<\/a> &#8211; communiqu\u00e9 SIG 09.10.2025<br>5. [fr] <a href=\"https:\/\/www.ge.ch\/dossier\/reduisons-nos-dechets\/reduire-nos-dechets-source\/litiere-vegetale-votre-chat-dit-oui\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">La liti\u00e8re v\u00e9g\u00e9tale ? Votre chat dit oui!<\/a> &#8211; conseils Canton de GE \/\/ <a href=\"https:\/\/www.petbook.de\/katzen\/warum-mineralische-katzenstreu-ein-echtes-umweltproblem-ist\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">630.000 Tonnen M\u00fcll im Jahr &#8211; Warum mineralische Katzenstreu ein echtes Umweltproblem ist <\/a>&#8211; Petbook.de<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter jedem St\u00fcck Abfall verbirgt sich derselbe Mechanismus: Ein Produkt, das zum Wegwerfen bestimmt ist, wurde weit weg von hier im Rahmen eines Systems hergestellt, das den Warenverkehr f\u00f6rdert, aber niemals die Verantwortung.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":34010,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[71],"tags":[56,88,81,58],"class_list":["post-34255","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell","tag-abfallentsorgung","tag-freihandel","tag-nachhaltigkeit","tag-umwelt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34255"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34265,"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34255\/revisions\/34265"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34010"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.la-vrille.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}