Hinter jedem Stück Abfall verbirgt sich derselbe Mechanismus: Ein Produkt, das zum Wegwerfen bestimmt ist, wurde weit weg von hier im Rahmen eines Systems hergestellt, das den Warenverkehr fördert, aber niemals die Verantwortung.
Am 12. Mai 2022 unterzeichnete die Schweizerische Eidgenossenschaft mit der Lebensmittelbranche die „Vereinbarung gegen Foodwaste”1, das bis 2030 eine Halbierung der vermeidbaren Verluste zum Ziel hat. Vor kurzem wurde die Frage der globalen Abfallbewirtschaftung in der Schweiz erneut aufgegriffen. Diese zwei Schritte sind lobenswert, denn sie anerkennen endlich die kollektive Verantwortung. Doch kratzen diese Initiativen, so notwendig sie auch sein mögen, nur an der Oberfläche des Problems. Denn Abfall entsteht nicht nur durch unsere Nachlässigkeit, sondern durch das Wirtschaftssystem an sich.
Das eigentliche Problem ist ein auf Überproduktion basierendes System.
In allen Bereichen – Handwerk, Industrie und Lebensmittelindustrie – gilt dieselbe Logik: Man muss innovativ sein. Nur so bleibt man attraktiv, wettbewerbsfähig und kann „der Nachfrage gerecht werden”. Dieser ständige Drang nach Neuerungen, der als Motor des Fortschritts dargestellt wird, führt jedoch vor allem zu einer ungebremsten Überproduktion: Es gibt neue Maschinenmodelle, Textilien von geringerer Lebensdauer und „nachhaltige” Materialien, die noch funktionsfähige Produkte ersetzen. Das Ergebnis: Kein Gewinn ist nachhaltig. Jede energetische Verbesserung, jedes effizientere Gerät und jedes recycelte Textil wird sofort durch das globale Wachstumsprinzip von Produktion und Konsum zunichte gemacht. Das Wirtschaftssystem zwingt uns, mehr zu produzieren und zu konsumieren, während gleichzeitig weniger Umweltverschmutzung verursacht werden soll. Dieser Teufelskreis übt einen enormen Druck auf Handwerker*innen und lokale Produzent*innen aus. Sie sind gezwungen, dieser Logik zu folgen, um zu überleben, werden dabei aber genau von diesem Teufelskreis „erstickt“.
Unsere Abfalltonnen erzählen von unserem Wirtschaftsmodell
Diese Flucht nach vorn lässt sich in unseren Abfalltonnen ablesen. Die Berge aus weggeworfenen Textilien2, veralteten Geräten und nicht recycelbaren Verpackungen wachsen unaufhörlich. Selbst sogenannte „verwertbare” Materialien werden oft zu niedrigen Kosten in andere Länder exportiert, wo sie verbrannt oder vergraben werden.
In Genf führt die Abfallfrage zu sehr konkreten Spannungen. Die Volksinitiative gegen die Deponierung von Schlacke in Satigny hat eine reale Gefahr ans Licht gebracht: Da die Deponie in Châtillon überfüllt ist, könnte der Kanton gezwungen sein, eine neue Deponie in der Gemeinde zu eröffnen3. Derzeit wird die Schlacke in den Jura exportiert, aber diese Lösung ist nur vorübergehend4.
In dieser Gleichung spielt Katzenstreu eine oft übersehene Rolle. Mineralisches Streu, welches in Haushalten alltäglich verwendet wird, verursacht allein bis zu 5’000 Tonnen Schlacke pro Jahr, was etwa 10 % der Gesamtmenge in Genf entspricht5. Die Lösung heisst pflanzliches Streu. Dieses verbrennt vollständig und es entsteht dabei keine Schlacke. Das BAFU hat sich jedoch geweigert, mineralische Streu zu verbieten, beruft sich dabei auf die wirtschaftliche Freiheit und überlässt die Verantwortung für Veränderungen den Verbraucher*innen.
Überall sind die Böden die stillen Opfer einer Wirtschaft, die alles in Waren verwandelt – auch Abfälle.
Warum nicht gleiche Ziele für alle Branchen anstreben?
Die Vereinbarung gegen Foodwaste zeigt auf, dass es möglich ist, eine ganze Branche für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren: reduzieren, Verantwortung übernehmen, kontrollieren. Aber warum bei Lebensmitteln aufhören? Warum nicht dasselbe Ziel für Textilien, Elektronik oder Baumaterialien anstreben? Denn heute machen Nicht-organische-Abfälle den grössten Teil unseres ökologischen Fussabdrucks aus. Hinter jedem Stück Abfall verbirgt sich derselbe Mechanismus: Ein Produkt, das zum Wegwerfen bestimmt ist, wurde weit weg von hier im Rahmen eines Systems hergestellt, das den Warenverkehr fördert, aber niemals die Verantwortung.
Die zerstörerische Rolle des Freihandels
Die bilateralen Abkommen und Freihandelsabkommen, die die Schweiz in zunehmendem Masse abschliesst, fördern die Massenproduktion, den übermässigen Transport und die Verlagerung von Umweltbelastungen. Man importiert Billigprodukte, die unter fragwürdigen sozialen und ökologischen Bedingungen hergestellt wurden, und lagert dann die mit ihrer Herstellung verbundene Umweltverschmutzung aus. Anschliessend beglückwünscht man sich dazu, dass man ein paar Prozent unserer Abfälle recycelt, als würde dies den Rest kompensieren.
Was ist das Ergebnis? Lokale Handwerker stehen unter Druck, die globalisierte Industrie ist unantastbar und der Planet ist mit Abfällen übersät, die sich nirgendwo mehr „unbemerkt“ entsorgen lassen.
Solange wir in der Vorstellung verhaftet bleiben, dass die Wirtschaft wachsen müsse und Innovation immer gut sei, wird die Abfallfrage ungelöst bleiben. Die aktuellen Anträge und Vereinbarungen sind nützlich, aber eher kosmetischer Natur: besser trennen, mehr recyceln, sauberer verbrennen… ohne jemals weniger zu produzieren.
Für eine echte Abfallpolitik: Sparsamkeit, Nähe, Verantwortung
Was wir brauchen, ist eine systemische Veränderung:
- Reduzierung der produzierten Mengen, nicht nur Optimierung ihres Lebenszyklus
- Schadstoffe regulieren und solche verbieten, die in Böden und Gewässern verbleiben.
- Lokale Handwerker*innen und Produzent*innen unterstützen, nicht um „innovativer” zu sein, sondern um weniger, besser und nachhaltig zu produzieren.
- Und vor allem die Freihandelsabkommen hinterfragen, die diesen ständigen Strom von Waren, Umweltverschmutzung und Abfall fördern.
Die Vereinbarung gegen Foodwaste ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber wenn wir diese Tür nicht weiter aufstossen, werden wir weiterhin dieselbe Landschaft vorfinden: Berge von Abfall, kontaminierte Böden und erschöpfte Ökosysteme. Politischer Mut bedeutet nicht, besser zu recyceln, sondern zu sagen, dass wir weniger produzieren und ein System ablehnen müssen, in dem alles – Güter, Land, Arbeit, Leben – im Müll landet. Denn in einer Welt, die mit Abfall übersättigt ist, sollten wir nicht Innovation feiern, sondern Genügsamkeit.
La Vrille
Fussnoten :
1- Vereinbarung gegen Foodwaste – UVEK
2. Berge von Altkleidern – Kleider-Recycling: Käuferinnen und Käufer sollen dafür bezahlen – Mirjam Spreiter und Ralph Goldinger – SRF 22.04.2025
3. [keine neue Deponie in Satigny – fr] L’initiative populaire contre l’enfouissement des mâchefers a abouti ! – Commune de Satigny 29.07.2022
4. [fr] Les cantons de Genève et du Jura renforcent leur collaboration pour la gestion des mâchefers – communiqué SIG 09.10.2025
5. [fr] La litière végétale ? Votre chat dit oui! – conseils Canton de GE // 630.000 Tonnen Müll im Jahr – Warum mineralische Katzenstreu ein echtes Umweltproblem ist – Petbook.de